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Carl W. Tetting — Meine japanischen Kollegen (1925) | www.vintoz.com

June 27, 2025

von Carl W. Tetting

Wenn ich heute an die vielen, beinahe allzuvielen EindrĂŒcke meiner mehr als einjĂ€hrigen Fahrt durch den fernen Osten und die SĂŒdsee zurĂŒckdenke, so will es mir fast scheinen, als verdanke ich doch die nachhaltigsten Bilder nicht der lauen, verweichlichenden Umgebundenheit der Tropen, nicht der schier unermeßlichen Mannigfaltigkeit an Farben und Reizen der indischen Inseln sĂŒdlich von Ceylon und nördlich von Australien, — sondern bereits wieder jenen Strichen Asiens, in denen die Zivilisation sich nicht mehr auf etliche wenige EuropĂ€erviertel beschrĂ€nkt, sondern in ganz neuer, eigener und eigenartiger PrĂ€gung Vergleichsmomente zu der Kultur bot, die mir gewohnt und vertraut war. Zwar war die wilde UrsprĂŒnglichkeit auf den Inseln der hollĂ€ndisch-indischen SĂŒdsee mehr daheim, aber nicht sie fesselte auf die Dauer das an reglementierte Ordnung gewöhnte Gehirn europĂ€ischer Denkungsart, sondern eher und weit mehr war dies das Land des Mikado, das Land der aufgehenden Sonne: Japan. Hier war es, wo ich nach vielen Monaten der Ungebundenheit wieder unmittelbar das Wirken einer gestrengen Obrigkeit verspĂŒrte, und wenn diese Empfindung sich auch fast ausschließlich im Unterbewußtsein manifestierte, das Auftreten uniformierter Polizisten also durchaus nicht vonnöten war, so war sie doch in einer seltsam beruhigenden Weise vorhanden


Japan wurde fĂŒr mich, nachdem ich den weichen Boden der SĂŒdseeinseln hinter mir gelassen hatte, der Zentralpunkt asiatischer Zivilisation ĂŒberhaupt, und wieder und immer wieder zwangen sich mir die Vergleichsmomente auf, ohne die man nun einmal kein fremdes Land dieser Erde zu betreten vermag. Es ist ja nicht erforderlich, daß diese Vergleiche irgendwelche Kritik in sich schlössen: viel eher glaube ich, daß bei so grundverschiedenen Kulturreisen jede Kritik vom Uebel wĂ€re: papierne HĂ€user wĂ€ren nun einmal an den Ufern der Havel undenkbar, und ein Eiffelturm vor das herrliche Bild des Fujijama gesetzt, wĂŒrde unertrĂ€glich deplaziert wirken. Also — alles an seinem Ort
 und alles zu seiner Zeit, selbst die Kritik


Und das namentlich, wenn ich von — meinen japanischen Kollegea sprechen will. Es gibt hier ja so vieles, was man lernen kann, — lernen — trotz alledem. Zwar bewundern die Japaner die deutschen Leistungen durchaus, aber es gibt gewisse unterschiedliche Wertmesser, die die Produktion der beiden LĂ€nder und das VerstĂ€ndnis der Massen fĂŒr den europĂ€ischen Film so entscheidend beeintrĂ€chtigen, daß fĂŒrs erste, wie ich glaube, kein allgemeingĂŒltiger Weg von hĂŒben nach drĂŒben geschaffen wird. Schon wenn ich mir vorstelle, daß die Japaner heute in ihrer gesamten Filmproduktion — und es gibt eine sehr große, eine sehr ansehnliche nationale Filmproduktion in Japan! — auf die altertĂŒmlichen Rittergeschichten eingestellt sind, so ergibt sich daraus ein beinahe verheerender Kontrast. Um das ganz zu begreifen, mĂŒssen wir uns die Voraussetzungen vergegenwĂ€rtigen, unter denen „meine Kollegen” in Japan arbeiten.

Der amerikanische Film hat in den japanischen Kinos eine sehr vorherrschende Stellung, doch befriedigt er naturgemĂ€ĂŸ nicht das Verlangen der japanischen Bevölkerung nach Spielhandlungen, die sich ganz und gar im japanischen Milieu bewegen. Solche Filme vermag das Ausland nicht zu liefern, mithin muß der Japaner sie selbst machen, und er muß sich dabei so einrichten, daß die Filme nicht zu teuer weiden, weil sie sich ja in Japan selbst rentieren mĂŒssen und nach dem Ausland unverkĂ€uflich sind. Also haben die japanischen Filmgesellschaften, unter denen es große und kleine gibt, versucht, aus ihrem Volksleben allerlei Sujets auszuwĂ€hlen, die sich filmisch behandeln und darstellen lassen. Da sie jedoch ein nur zu klares GefĂŒhl dafĂŒr haben, daß ein japanischer Darsteller in dem Augenblick an Ueberzeugungskraft verliert, in dem er sich in den Frack zwĂ€ngt — oder in dem die japanische Frau sich ganz und gar als Okzidentalin gebĂ€rdet, so sind auch heute noch rund — nun, ich möchte sagen: rund 99 Prozent aller japanischen Filme nach unseren Begriffen KostĂŒmfilme, spielen also in den vergangenen Zeiten und zeichnen sich durch einen gewaltigen Aufwand pompöser KostĂŒme aus. Um einen solchen Film zu begreifen, muß man in die Geschichte der japanischen Kultur recht tief eingedrungen sein, man muß die Samurais wie seine eigenen Ahnen kennen — und darf sich nicht wundern, wenn diese Ritter einer vergangenen Epoche sich in jedem Filmakt mindestens zweimal in die Haare — oder was korrekter ausgedrĂŒckt ist: „in die Schwerter” kriegen.

Das ist der zweite kennzeichnende Hauptpunkt der japanischen Filmdramaturgie: es wird sehr viel gekĂ€mpft in diesen ostasiatischen Filmen. Es gibt, wie auf der SprechbĂŒhne, so auch im Film, keine psychologischen Feinheiten in unserem Sinne, es gibt sogar in der Darstellung nichts rein Ausgearbeitetes, kein bedeutsames Augenzwinkern meinetwegen, keine leise, andeutungshafte Geste einer Hand oder eines Fingers; alles ist nach unseren Begriffen utriert und stark, ĂŒberstark unterstrichen. Und da eine solche Grundeinstellung zur bewegten Handlung in wenigen Situationen erschöpft sein muß, mĂŒssen die japanischen Dramaturgen immer wieder auf das belebende Moment der SchwertkĂ€mpfe zurĂŒckgreifen. Es ist sehr sonderbar, daß die Japaner in den europĂ€ischen — oder allgemein gesagt: in den abendlĂ€ndischen Filmen jede Geste ohne weiteres richtig deuten, daß sie jede Handlung mehr oder weniger zutreffend kapieren, — in den japanischen Filmen jedoch fordern sie, vielleicht unĂŒberlegt, jene Kundgebung der japanischen MentalitĂ€t, die relativ unkompliziert und ein leuchtend ist.

Allerdings möchte ich an dieser Stelle eins hervorheben: das VerstĂ€ndnis des Japaners fĂŒr die europĂ€ischen Filmhandlungen wird dadurch erleichtert, daß in den Kinos von Nippon, und selbst in den grĂ¶ĂŸten, die beinahe an die zweitausend Zuschauer fassen, noch immer der „Ansager” unerlĂ€ĂŸlich ist. Sei es, daß die Kinobesitzer hierzu gezwungen sind durch die vorhandenen Analphabeten, die die Zwischentexte doch nicht lesen können, — oder aber, daß die vorhandene Mehrheit nichtasiatischer Filme ipse facto einen ErklĂ€rer bedingt. Aus welchem Grunde ein europĂ€isches MĂ€dchen unglĂŒcklich ist, — das muß den Japanerinnen oft erst gesagt werden, da es Situationen gibt, die sonst einer Eingeborenen Japans unverstĂ€ndlich bleiben wĂŒrden. Wie weitgehend die Wirkung nichtasiatischer Filme auf eine japanische Zuschauerschaft sein muß, kann man sich schon aus der Tatsache herleiten, daß man in Japan den Kuß nicht kennt, die junge Japanerin also ganz erschrocken aufzuschauen pflegt, wenn ihr im Film zum ersten Mal dieser ungewohnte und unerklĂ€rliche Vorgang gezeigt wird. Es gibt eine Zensurbestimmung drĂŒben, die sogar die VorfĂŒhrung solcher Kußszenen untersagt; von Zeit zu Zeit entsinnt man sich immer wieder darauf, daß dieser Ukas besteht, und ebenso oft pflegt man sich in Europa ĂŒber das „SchamgefĂŒhl” Japans zu mokieren. Wer jedoch im Auge behĂ€lt, daß der Kuß fĂŒr sozusagen „nichtkĂŒssende” Völker ein Vorgang seltsamer Ideenverbindungen sein kann, wird fĂŒr die Auffassung Japans erheblich mehr VerstĂ€ndnis als der vorschnelle Spötter aufbringen.

Die ErklĂ€rer in den Kinos von Tokio und Kyoto sind ein Beruf fĂŒr sich: sie lernen die nicht ganz einfache Vortragskunst und bringen es darin zu großem Rufe, so daß manche Kinos ihren Ruhm geradezu den langjĂ€hrig gedrillten ErklĂ€rern zu verdanken haben. Und mit der Sonderstellung dieser Kinoangestellten berĂŒhre ich gleichzeitig die soziale Stellung der Filmmenschen in Japan ĂŒberhaupt. Ich komme also zu den eigentlichen Kollegen, — zu jenen vorzĂŒglichen und interessanten Menschen, die ich in ĂŒber sechsmonatiger TĂ€tigkeit in Kyoto aus allernĂ€chster NĂ€he kennen gelernt habe.

Es ist ein sonderbares GefĂŒhl, wenn man von sich selbst sagen darf, der erste deutsche Schauspieler zu sein, der ĂŒberhaupt in einem japanischen Ensemble auf japanischem Boden mitwirken durfte. Zwar gibt es eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von Japanern, die nach Amerika oder auch nach Deutschland und Frankreich gegangen sind, um dort zu arbeiten, — nur an Hayakawa [Sessue Hayakawa (æ—©ć· é›ȘæŽČ)] sei in dieser Verbindung erinnert! — aber in Japan selbst haben sich die Regisseure der dortigen Gesellschaften stets auf einheimische KĂŒnstler beschrĂ€nkt. Um so interessanter war es fĂŒr mich, in die LebensverhĂ€ltnisse und Arbeitsgewohnheiten der Kollegen von drĂŒben Einsicht zu nehmen, — und ich möchte annehmen, daß dieses Interesse in weitesten Kreisen geteilt wird.

ZunĂ€chst die augenscheinlich wichtigste Frage: welche Rolle spielt in Japan der Filmdarsteller? Ist er, wie bisweilen bei uns, der Löwe des Salons
 oder — schrecklicher Gedanke, nicht wahr? — gibt es am Ende in Japan gar keine Salons
?

Ja, wie ich schon eingangs sagte: man darf die LĂ€nder dieser schönen und ebenso runden Erde wohl miteinander vergleichen, aber man soll aus den Vergleichen keine Kritiken auf „Besser” und „Schlechter” herleiten. Sonst kĂ€me Japan in unsern Augen wirklich zu kurz. Allerdings spricht man auch drĂŒben viel von den Schauspielern, man kennt sie, man verehrt sie — und sie bekommen sicherlich auch eine ganz nette Anzahl von Briefen seitens Unbekannter, aber einen Salon in unserm Sinne gibt es deshalb doch nicht! Man kann —nein, ich will es anders sagen, ganz anders!

Etwa so: Es wĂ€re unhöflich, einen Japaner danach zu fragen, ob er verheiratet ist
 Und unbegreiflich indiskret wĂ€re es sogar, zu erfragen, ob er Kinder hat. Das Familienleben ist drĂŒben eine ganz private Angelegenheit, und demzufolge blĂŒht auch — die Frau im Verborgenen. Man bedarf der Frau, irgend einer Frau, bisweilen zur Unterhaltung, man engagiert, wenn etliche Herren sich treffen, fĂŒr die Nachmittagstunden einige Geishas, die servieren, unterhalten, tanzen und dann wieder nach Hause gehen, — aber die eigene Frau, insofern eine solche vorhanden ist, taucht kaum je auf. Wohlverstanden: ich spreche von der Masse des Volkes, — in den höchsten Kreisen von Adel und Diplomatie mögen andere, europĂ€ischere Sitten Platz gegriffen haben. Sonst aber schaut die Frau schĂŒchtern und halbĂ€ngstlich zum Manne wie zu einem erhabenen Wesen empor — und wagt es kaum, sich ihm
 aufzudrĂ€ngen, sich ihm anzutragen. Es gibt keine Geselligkeit in unserem Sinne, kein Courschneiden der Geschlechter, sondern man trifft wieder und immer wieder — den Mann, den Mittelpunkt des ganzen kĂŒnstlerischen und gesellschaftlichen Lebens.

Also — , die Bewunderung, die den prominenten Filmdarstellern gezollt wird, hat ihre ziemlich engen Grenzeen. Und noch etwas spielt in diese Begrenzung hinein. Der Beruf des „Kadzido yaksha”, des Filmdarstellers, ist drĂŒben ein reichlich bĂŒrgerlicher. Im alten Europa verbindet man mit ihm, sei es mit Recht oder mit Unrecht, gewisse Vorstellungen flotten Bohemientums, — im noch Ă€lteren Asien kennt man diese Vorstellung nicht. Und man wird sie wahrscheinlich nie kennen lernen. Weshalb?

Das verhĂ€lt sich wiederum folgendermaßen: um billig zu arbeiten — und auf die billige Arbeit sind die japanischen Gesellschaften angewiesen, wie ich bereits anfĂŒhrte! — , muß der japanische Filmproduzent die Gagen seiner Mitwirkenden möglichst niedrig halten. Er darf also nicht den europĂ€ischen und amerikanischen Star-Fimmel großzĂŒchten, sondern engagiert die KĂŒnstler wie die erstbesten BĂŒroangestellten mit monatlichem Gehalt. Alle Filmdarsteller Japans stehen im festen EngagementsverhĂ€ltnis, und das Durchschnittsgehalt stellt sich auf etwa 500 Yen, also auf etwa: 850 Mark. Das ist, so bescheiden es klingt, ein recht erhebliches Quantum Geld, wenn man die modesten AnsprĂŒche aller Japaner im Auge behĂ€lt und berĂŒcksichtigt, daß das Leben drĂŒben ĂŒberhaupt nicht kostspielig ist. Der Schauspieler wird sich natĂŒrlich etliche Hausangestellte halten, da er von frĂŒh bis spĂ€t abends im Atelier ist und seine Arbeit ihn viel umfangreicher in Anspruch nimmt, als dies bei uns von einem Schauspieler denkbar ist, — aber die Diener sind gleichfalls sehr billig zu haben. Er braucht vielleicht einen Boy, der seine persönlichen Sachen in Ordnung hĂ€lt, dann einen Koch, und vielleicht noch sonstwen, — und jeder dieser Angestellten erhĂ€lt pro Monat 25 Yen, dazu in der Regel die Verpflegung. Was aber essen diese bescheidenen Asiaten schon? Reis — dann etliche Beilagen — und abermals Reis
 Die Dienerschaft ist drĂŒben das anspruchsloseste, was man sich denken kann. Und wenn der Filmschauspieler nun noch ein eigenes HĂ€uschen besitzt, so kostet das, auf etwa 8 Zimmer geschĂ€tzt, auch nur 35 bis 40 Yen Miete monatlich. Er kann mithin mit 500 Yen sehr bequem auskommen — und vermag noch zu sparen. Und wenn ein Star erster Ordnung, ein Kassenmagnet, gar 1200 bis 1500 Yen im Monat verdient, so ist dies bereits der Gipfel der finanziellen LeistungsfĂ€higkeit ĂŒberhaupt — und gleichzeitig wirklich auch der Gipfel denkbarer AnsprĂŒche.

DafĂŒr hat sich der KĂŒnstler nun den ganzen Tag und die ganze Nacht zur VerfĂŒgung zu halten; irgendwelche Nebenarbeit oder eine TĂ€tigkeit bei der Konkurrenz kommt nicht in Frage. WĂ€hrend bei uns beinahe jeder Film-Prominente noch seine BĂŒhnentĂ€tigkeit nebenher weiterfĂŒhrt, ist dies in Japan nicht möglich: der Filmmensch hat sich dem Unternehmer mit Haut und Haar verschrieben. Zwischen BĂŒhnen- und Filmdarsteller ist ein scharfer Trennungsstrich gezogen.

Und dies hat sogar Geltung in Bezug auf die Komparsen. Der japanische Statist verdient blutwenig, er hat vielleicht 50 Yen im Monat, vielleicht auch, wenns sehr hoch kommt, 100 Yen, — aber er ist damit zufrieden
 und meckert nicht. Das Meckern ist ĂŒberhaupt eine sehr europĂ€ische Angelegenheit. Der japanische KĂŒnstler hat vor seinem Regisseur eine so gewaltige Achtung, daß er nicht einmal den leisesten Widerspruch wagen wĂŒrde. Vielleicht kommt das daher, daß alle japanischen Regisseure der BĂŒhne entstammen, — vielleicht hat es aber auch in dem ganz auf Disziplin gestellten Temperament des Japaners seine BegrĂŒndung. Befehle und Anschnauzer im europĂ€isch-amerikanischen Sinne sind drĂŒben unmöglich, — man darf boshaft sein, aber man muß es in konzilianter Weise zum Ausdruck bringen; man muß „bitten” — selbst in der Ruppigkeit.

Was das heißt, obwohl die japanische Filmindustrie zum grĂ¶ĂŸten Teil ohne weibliche Stars arbeitet, wird selbst der smarteste Angelsachse ermessen können. Der gute Ton rĂŒhrt also in Kyoto nicht von der RĂŒcksicht auf das zarte Geschlecht her, sondern ist ein als „Ding an sich” erstrebenswertes Charaktermerkmal. Frauen findet man zwar nach dem letzten Erdbeben in zunehmendem Maße auf der SprechbĂŒhne und im Film, aber ihre Zahl ist immerhin noch verschwindend gering genug. Das Vorurteil des Japaners gegen die Frau auf der BĂŒhne behauptet sich nach wie vor, und wenn es sittliche Momente sind, die zugunsten dieser alten Abneigung gegen die Mitwirkung der Frau vorgebracht werden, so darf man doch an dieser Stelle davon ĂŒberzeugt sein, daß die zurĂŒckhaltende Position der japanischen Frau sich nirgendwo schneller durchbrechen lassen wird, als auf dem Gebiete der darstellenden Kunst


Auch der japanische Kollege von der Regie weicht in seiner Funktion recht betrĂ€chtlich vom deutschen Regisseur — oder vom sonstwie internationalen Filmregisseur ab. Gewissermaßen nĂ€mlich ist der Japaner, wenn er den Spielleitungsstab schwingt, nur der oberste Befehlshaber; — der eigentliche „Vorbeter” ist — der mĂ€nnliche Hauptdarsteller.

Jawohl: — der mĂ€nnliche Hauptdarsteller.

Man stelle sich einmal vor, daß ein deutscher Prominenter — schön, nennen wir Veidt oder Jannings [Conrad Veidt | Emil Jannings], von seinem Regisseur herbeizitiert wird, um folgende Ansprache entgegenzunehmen:

„Bitte, — wir fangen morgen frĂŒh um acht Uhr an
 Ich brauche sieben Komparsen, die dies und das und das anhaben
 Sie werden, bitte, dafĂŒr sorgen, daß dies und dies und sonst noch was zur Stelle ist
 Wenn der Komparse Y. wieder einen Fleck an seinem Kimono hat, so mĂŒĂŸte ich Sie dafĂŒr verantwortlich machen! Bringen Sie, bitte, den Leuten bis zum Anfang der Arbeit bei, daß sie dies und das und das auszufĂŒhren haben; bei dem Kollegen X. fehlte mir heute die Innerlichkeit beim Degenstechen, — studieren Sie, bitte, auch das mit ihm bis morgen frĂŒh ein, ja?”

Wie gesagt, — man stelle sich vor, daß diese Ansprache an Veidt oder an Jannings gerichtet wĂŒrde. Was tĂ€te ein jeder von ihnen? Er wĂŒrde zum Regisseur sagen: „Mein Lieber, faß Dir mal an Deinen Kopf, ob der noch da ist!”

Aber — der japanische Prominente pariert, denn es ist sein Amt, die Komparsen
 zu bestellen, die Kollegen zu unterrichten
 und mehr noch: sie zu bezahlen! Alles das also, was bei uns der Aufnahmeleiter besorgt, geht in Japan zu Lasten des Darstellers erster Ordnung. Der Regisseur gibt ihm, dem Prominenten, dem Hauptdarsteller, die Anweisung, die andern Mitspielenden einzudrillen, und dieser wĂ€re höchst beleidigt, wenn der Spielleiter zu ihm nicht das Vertrauen hĂ€tte, daß alles bestens geschieht. Daß er dann fĂŒr jeden befleckten Gobi, fĂŒr jeden GĂŒrtel der Mitdarsteller verantwortlich ist, verschlĂ€gt ihm wenig. Und er findet sich sogar damit ab, daß er als einziger Darsteller jeden Aufnahmetag von morgens bis abends anwesend zu sein hat.

Der europĂ€ische Film-Prominente arbeitet bisweilen in der Woche drei Aufnahmestunden, er ist bisweilen von sechs Tagen in der Woche einen einzigen im Atelier, und er kĂŒmmert sich um nichts, um wirklich nichts außerhalb seiner Rolle. Der japanische Kollege aber lĂ€uft und spritzt hin und her
 — und weiß gar nichts davon, daß er es eigentlich doch herzlich schlecht hat.

Was auf mich wĂ€hrend der praktischen Arbeit in den kĂŒnstlich zumeist nicht sonderlich gut beleuchteten Ateliers den hervorragendsten Eindruck gemacht hat, ist die Fertigkeit der Japaner, Masken zu machen. Ich glaube, daß kein Volk der Erde den Japanern darin gleichkommt. Ob es sich nun um einen Heldenvater, um einen schĂŒchternen Liebhaber oder um einen Charakter-Darsteller handeln mag, — immer ist die Maske von einer erstaunlichen Durchdachtheit, von einer geradezu frappanten Wirkung. Ganz besonders ist mir eine Maske im GedĂ€chtnis haften geblieben, die eines Geistes. Sie ist bezeichnend fĂŒr die Forderungen, die ĂŒberhaupt an die darstellende Kunst Japans gestellt werden: der Geist spielt eine bedeutsame Rolle in vielen StĂŒcken. Manchmal greift er zum Guten, manchmal zum Bösen ein, immer aber wird sein Kommen mit einem allgemeinen Schaudern von der ersten bis zur letzten Bank bemerkt. Wie denn ĂŒberhaupt der japanische Zuschauer weit ursprĂŒnglicher mit den Fabeln mitzuleben und das Eintreten eines vielleicht erwarteten Ereignisses mit ganz impulsiven Kundgebungen zu begleiten pflegt. Um zum Geiste zurĂŒckzukehren: die Maske des Bösen, die ich sozusagen als Anschauungsobjekt im Bilde mitgebracht habe, war von derart entnervender Wirkung, daß die Vermutung naheliegt, nur durch unendliche Ausprobungen kann ein solches Widerspiel zustande gekommen sein.

Durchweg benutzen die japanischen Filmschauspieler an stelle der bei uns gebrĂ€uchlichen Fettschminken Wasserschminke. Sie tragen die Farbe, zumeist weiß, in ganz breiten Pinselstrichen auf die Gesichtshaut auf, warten einige Augenblicke, um der Paste Zeit zum Eindicken zu lassen, und verreiben sie dann mit einer weichen BĂŒrste. Auf diese Weise kommt ein kaum glaublicher, faltenloser Belag zustande, der jeder Temperatur widersteht. Je nach Erfordernis werden alsdann die Augenhöhlen mit mattem Rot ausgelegt, die Wangen nach Bedarf hell- oder dunkelbraun — und die Lippen


Ja, wie wohl die Lippen?

Wieder können wir einen Unterschied gegenĂŒber den sonstigen Filmgepflogenheiten feststellen: der japanische Filmdarsteller schminkt sich die Lippen ĂŒberhaupt nicht, die Frau schminkt sich nur die Unterlippe. Aus welchem Grunde dies geschieht, habe ich nicht ergrĂŒnden können; wahrscheinlich kommt hier ein altes Schönheitsideal zum Ausdruck, wie man denn ja ĂŒberhaupt bei der Verschminkung an die Ausformung irgendwelcher geheimen Schönheits- und Charakter-Ideale zu denken hat. Auch im wirklichen Leben schminken sich die Geishas nur die Unterlippe: die BĂŒhnen- und Filmgepflogenheit ist somit ganz und gar der Koketterie des echten Lebens entlehnt.

Weiter oben sprach ich davon, daß wir in Japan vergeblich so etwas wie einen „Salon” suchen wĂŒrden, jenes behagliche Zimmer, in dem sich die Bewohner eines Hauses zu gastlichen Zwecken versammeln und ein wenig ĂŒber den Tag hinweg zu geistreicheln versuchen. So leicht und einfach sich dieses Faktum auf dem Papier ausnimmt, so schwerwiegend ist es doch, wenn man sich monatelang in japanischen HĂ€usern zu beliehen hat. Die Abwesenheit von Möbeln empfinden wir nur zu sehr, und dankbar begrĂŒĂŸen wir die LiebenswĂŒrdigkeit der Japaner, die uns ohne weitere Aufforderung etliche europĂ€ische Möbel in die RĂ€ume hineinsetzen. Sonst mĂŒĂŸten wir unsere Lebtage auf weichen Matten verbringen, uns beim Essen niederknien — und die NĂ€chte abermals auf Matten breitdrĂŒcken. Da die WĂ€nde durchweg von Papier sind, erfĂ€hrt die Behaglichkeit einer zwanglosen Unterhaltung sowieso hinreichende Einbuße.

Aber all diese Monotonie des japanischen Wohnraumes drĂŒckt sich auch in der Filmregie aus: der japanische Film-Architekt hat eine sehr einfache Arbeit. Mag hier und da durch die Form des Ofens auch einmal der Raum eines Wohlhabenden sich von dem eines einfachen BĂŒrgers unterscheiden, so ist doch darĂŒber hinaus ein jeder Raum so rĂŒcksichtslos „normalisiert”, daß fĂŒr Variationen kaum „Zeit und Gelegenheit” bleibt. Ich habe bisweilen in den japanischen Filmateliers auch Durchblicke durch mehrere RĂ€ume gesehen, Durchblicke bis zu etwa 35 Metern Tiefe, — aber die Zimmer selbst glichen sich immer wieder: stets waren die WĂ€nde gleich hoch, die RĂ€ume nach bestimmten VerhĂ€ltnissen ausgemessen, die Fenster unvariabel im Aussehen. Die Arbeit selbst wird dadurch weiter vereinfacht, daß unsere japanischen Kollegen wenig mit Kunstlicht arbeiten, dafĂŒr aber dem Tageslicht alle nur erdenkbaren Effekte abzugewinnen wissen: ein japanischer Operateur ist der reine TausendkĂŒnstler, wenn es darum geht, die Sonne in den Mond zu verwandeln.

Nur einer weiß auch mit dem Kunstlicht verschwenderisch umzugehen, nĂ€mlich der Kinobesitzer. In der Außenreklame leistet der japanische Kinobesitzer das Unmögliche, und er wird hierbei noch sehr unterstĂŒtzt durch den eigentlich sonderbaren Umstand, daß in einer jeden japanischen Stadt alle öffentlichen GebĂ€ude von Bedeutung in einer einzigen Straße zu liegen pflegen. Denke ich an die Hauptstraße in Kyoto, die etwa die LĂ€nge von anderthalb Kilometern haben mag, so liegen da nicht weniger als 18 bis 20 LichtspielhĂ€user, rund 15 Theater, 6 bis 8 Tempel, sehr viele billige Speisewirtschaften und noch viel BijouterielĂ€den nebeneinander. FĂ€llt man aus dem einen Theater heraus, so stolpert man unweigerlich in das gegenĂŒberliegende Kino hinein. Da nun jeder VergnĂŒgungsunternehmer auf eigene Faust Reklame macht, so kommt hier ein nettes Tohuwabohu von Schall-und Lichtwellen zustande. Und die Schallwellen stehen hierbei nicht zurĂŒck: an Lautsprechern vor den Kinos ist kein Mangel, und damit, wenn die Akustik wirklich einmal nachlĂ€ĂŸt, die GerĂ€usche nicht etwa abebben, sind hier und dort die StraßenbĂ€cker postiert, die selbstverstĂ€ndlich gleichfalls allerlei anzupreisen und anzubieten haben. In Kobe, in Tokio, in Nagasaki — ĂŒberall herrscht das gleiche Bild, ĂŒberall drĂ€ngen sich die Reklamen neben- und ĂŒbereinander. Und ĂŒberall, betritt man das Kino, wird man von dem eigenartigen Klang der einheimischen Musikkapellen empfangen, den Samsing- und den TrommelgerĂ€uschen, fĂŒr die das europĂ€ische Ohr so gar keine Mitempfindung aufbringt. Erst vor kurzem hat ein Lichtspielpalast in Kyoto den Versuch gemacht, einen europĂ€ischen Kapellmeister und europĂ€ische Musik nach Japan zu importieren, und gegenwĂ€rtig ist man drauf und dran, zu studieren, ob die Einheimischen mit dieser Neuerung mitgehen wollen — oder ob sie die Gefolgschaft versagen.

Schon um 3 Uhr nachmittags beginnt die Abrollung des Programms, und um 11 Uhr wird der letzte Akt in die Trommel zurĂŒckgerollt. Meistens sind es ein amerikanischer und zwei japanische Filme, die das Programm ausmachen, hinzu kommt bisweilen noch eine aktuelle Woche, etwa der deutschen Deulig-Woche entsprechend, und fĂŒr den ganzen Genuß schwanken die Eintrittspreise zwischen 20 Sen und 1,50 Yen.

Selbst an den Tagen, an denen die Darsteller erscheinen, gelten diese Preise; und das sind nicht nur die Tage der Premieren mit ihrem Blumenzauber, sondern auch gewöhnliche Spieltage. Da aber die Schauspieler ohne jeden romantischen Reiz sind, deutet man nur auf sie hin, macht sich gegenseitig auf sie aufmerksam, bleibt jedoch im ĂŒbrigen — kĂŒhl bis ans Herz hinan
 Und das, so scheint’s, ist etwas, das am schwersten wiegt. Gewiß offenbart sich hierin am deutlichsten die bĂŒrgerlich eingegliederte Stellung des japanischen Schauspielers, und so sehr man sonst geneigt ist, die Voraussetzungen der japanischen Filmproduktion unter die Lupe zu nehmen, — so sehr wird man doch angesichts des Kadzido yaksha erleichtert aufatmen: „Gott sei Dank, — das hier ist das Land, in dem es keine falschen Phantastereien ĂŒber das Tagewerk eines Filmschauspielers gibt!”

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Fotos:

  • A: Vor einem Lichtspielhaus in Tokio
  • B: Ein Samurai-Darsteller
  • C: Japanischer Heidenvater
  • D: Jugendlicher Held (Samurai)
  • E: Japanischer Darsteller in einer Frauenrolle
  • F: Jugendlicher Held in kostbarem Kimono
  • G: SchĂŒchterner Liehhaber mit Lampe und Reis-Eßtischen in den HĂ€nden
  • H: Kunstvolle japanische Maske des „bösen Geistes”

Collection: Filmland Magazine, May 1925

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Carl W. Tetting’s East Asia diary:

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